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Brief (Transkript)

Hans an Eugen am 10.1.1942 (3.2002.0211)
Ansicht des Briefes Biografische Skizze

Rußland, 10. Januar 1942



Lieber Eugen

Inzwischen bin ich wegen meines Knies zu einem ukrainischen Arzt im Dienste der Wehrmacht gegangen und der hat mir strengstens verboten, mit so einem bein herumzulaufen. Deshalb stehe ich auch nicht mehr in jeder Nachtwache, sondern behüte das häusliche Feuer. Gewiß, so sehe ich kaum noch Rußland und seine Russen, es sei denn, daß ein bärtiger Mann oder eine runzlige Frau unter ‘Moschma’ anklopft und hereintritt und gegen Eier, Hühner oder Milch Tabak will. Heute gab es hier Weinbrand. Nun warte ich auf Eier,um den richtigen Saft zu mischen. Schon liegen 6 Päckchen Tabak in der Lade - für 2 bekam ich gestern eine schöne Hausjacke, die ordentlich warm und vom Hebräer tadellos gemacht ist. Ich selbst habe mit diesen todgeweihten Menschen nicht gern zu tun: Ein Kamerad, der heute zur Front mußte, hatte sie sich machen lassen, und da paßte sie nicht mehr in seinen Kram. Da wollte er sie mir für ein paar Päckchen Tabak geben - aber großzügig, wie wir nun einmal sind. Ehe ich das letzte Mal auf Wache zog, war ich bei Sjuka zu Gast. Soll ich schildern, soll ich schweigen, es war füllend und wohl zu viel, was man da vertilgen mußte, wollte ich nicht Gastgeber und Tischgemeinschaft kränken und immer bewacht vom argwöhnischen Blick der Hausfrau! Welche glücklichen Begabungen der Europäer, der nicht eben in Rußland wohnt, daß er Gleichgewicht behalten kann in seinen Zügen! Unsere sehr derben eß=und trinklustigen Tischnachbarn aus dem Völkchen der Handwerker und Kleinbürger ließen jedes stomachische Bewegung gleich ins alleräußerste Gesicht kommen: süß und sauer, bitter und herb, ‘Kus und Kusne’ schmackhaft („und wenig mundend“). Schmatzen und Magenmusik gehört durchaus zum guten Ton und bezeugten die hohe Kunst der Hausfrau. Besteck lag zwar auf den Tischen - allein die Hände schienen bei derlei Gelagen brauchbarere Instrumente zu sein. Und als eine knappe Atempause in dem durchgehenden Betrachten des Fassungswunders ‘Magen’ eintrat, tönte keck ein zentimeter langer ...nicht lesbar... durch den Raum, darin ohnehin von Braten, Kuchen, Alkohol und Menschenschweiß wild gemischte Düfte sich aufhielten. Ich hielt tapfer aus, mir immer sagend: Hans, hier kannst du nur gewinnen! Alle 5 Minuten etwa ließ ich das Wort ‘Kusne ‘fallen, damit ich mir die Gesichterschneiderei ersparen könnte, darin das Völkchen sich gefiel, das den Tisch umlagerte. Bald hatte ich heraus, daß es angenehm auffiel, wenn man sich während der Schmauserei öfter verduftete und womöglich noch um Papier bat, das bereitweillig ausgegeben wurde. Man freute sich, daß mir augenscheinlich wohl zumute sei, und als man wahr nahm, daß sich bei mir nach reichlichem Essen und Trinken genau dieselben Bedürfnisse meldeten wie bei ihnen, hielt man mich für eingebürgert. Daß ich den schauderbaren Wodka regelmäßig unter die Tischplatte schüttete, und einmal sogar meiner seligen schönen Tischnachbarin in den Schoß, bemerkte keiner. Oh die Russen! - 6 Hühnerbollen und 10 große Wodkagläser hätte ich verputzen und austrinken müssen und am Tag danach entdeckte ich ein Stück süßen Mohnbrotes in meinem Schränkchen, groß wie ein...knochen. Die Wache danach ist mir allein schon wegen der vielen frischen guten Luft wohl bekommen. Zwischen dem Schützen und mir fielen beim Anblick des feuerroten Mondes wie so oft schon hier das große Wort: Der scheint auch in Westfalen. Bis zum anderen Morgen hörte man wilden wüsten Gesang von trunkenen Paaren, Bilder wüstester Freude! Man lag sich in Armen und auf dem Boden. Die Ikone war verhüllt, die Gläser waren zertreten, und die Stühle auf dem Tisch zu sehen. Und noch immer zupfte ein Mädchen mit ungeheur prallem Busen den Balalaikaschinken - in andern Häusern war es totenstill, besonders da, wo Vater oder Bruder fehlten. Schön ist es, den Leuten zuzuhören, was sie von der neuen Zeit halten. Auf dem Schlitten sagte mir der Bürgermeister von Krasnow: „Wir müssen sein Gott danken, denn wieder du jetzt Mensch. Auch ich Mensch und Gott nicht sein mit Rußland. Du machst [...] Mensch und ich sein Viehstück!“ Oder eine alte Frau: „Sagen ich wollen spaziva, daß kirku ich kann moschna, gut Germanski:Soldat. Karascho!“ Überall Dankbarkeit und wirklich erleichterte erlöste Gesichter! Der Aufsatz in ‘Signa’, den Du mir schicktest, gibt gur wieder, was einem auch in der Kleinstadt auffällt, wenn es auch niocht tiefer geht und sieht. Uns sind ja auch nicht beide Augen aufgetan. - Hat man einma begonnen, sich um dieses Völkchen zu bekümmern, man entdeckt von Tag zu Tag neue Seiten - die Frauen sind sehr schwatzhaft, ich könnte tolle Beispiele für Geschwindigkeiten der Nachrichtenübertragung ohne Funk, Telegraphie und Zeitung anführen. Selbst wenn so eine Kebse das Konkubinat mit irgendeinem Landser eröffnet hat, rühmt sie sich noch den gleichen Abend oder anderen Morgen vor ihresgleichen. Unsere Sjuska erzählte noch gestern Abend von solch einer Begebenheit, daß zwei Weibsen sich im Badehaus zutuschelten und daß dieses Muster von Aufnahmegerät natürlich gleich anfing und sich beeilte uns wieder zu erzählen. Raffiniert sind diese Russinnen nicht - aber sehr liebehungrig. Und dann gibt es Beispiele für das genaue Gegenteil. ‘Unerstürmbare Festungen’, die selbst Übles wittern, wenn man sie zeichnen will. Zum guten Glück kennt mich das halbe Nest, denn Sjuska hat mich zu einem rasvitza au Backe gemacht vor dem Weibsengremium der Stadt, und das ist ab und zu Anlaß zu vielen tollen Späßen - Auch die vielen Zeitungsausschnitte trudelten ein. Ein Gelage für meinen armen Kopf, der sich, nickend wie so ein Groschenneger an der Krippe, bei Dir bedankt. Sehr schön war die Reihe: Fehler und Sünden von R.Kastner. Bei den Bewährungen der Dichter bin ich immer skeptisch. Der Mozart-Aufsatz und der über die Ode mit dem herrlichen Beispiele Klopstocks fand alle Aufmerksamkeit bereit. In Charleville und Meziere las ich Rimbaud als Gedenken, von dem ich so wenig wußte. Die schöne Stelle in La mer la bas die Claudel ihm widmete. Claudel, den ich noch vor kurzem auf einem Bilde mit dem amerikanischen Präsidenten sah, daß er sich in die hohe Politik hinein verlief, darin er, scheint es, doch sich recht unglücklich ausnahm: Aber auch Goethe war Minister, wenn auch keineswegs so heißen Herzens seinem Vaterland (wie riecht das Wort, wenn man daneben den Namen Goethe setzt!) verbunden wie Claudel. Leider Rudolf Wilkes kenne ich nicht. Die russischen Erzähler habe ich mir hier bestellt, auch die Vierzeiler Vernon Chaussians.-Schade, die wenigsten kleinen Stücke Zeichenpapier, die Du in Aussicht stelltest, sind noch nicht angekommen und eben dazu fühle ich Kraft im Arm. - d.h. Männlein und Weiblein, Mädchen und Jungen zu zeichnen. Wie armseliog auch an Zahl immer das Ergebnis, wenn ich halbe Städte zeichnen will! - Puschkin ist der Dichter, den man auch in der Sowjetzeit als Hehre baute- scheinbar politisch desinteressiert oder ungefährlich. Sein Bild - der negroide Einschlag ist unleugbar - hängt sogar in Anjas Stube und ich sah es oft auch anderwärts. Leskow ist etwas für Spezialisten mit der alten lieben schönen Welt des Glockensummens zum hohen Osterfest. Ist es dem Anschein nach auch zu Grabe getragen worden. Die Glocken von Moskau schwingen mir in den Ohren, wiewohl ich sie nie läuten hörte - aber die Erzählungen der Russinen und die farbig akustische Schilderung der Baltin hat dieses festliche Gesumme zustande gebracht. Man gab sich, das ganze Volk auf der Straße, den altchristlichen Bruderkuß. - Und später gab es nur Genossen und Genossinen. Wie lange mag unsere Kommandierung noch währen? Ich denke noch Monate. Schreibe also lustig hierher. 02056 aber laß das zur Zeit ganz weg. Ich habe den Herren bei einem Auftritt Gelegenheit gegeben, mich sehr schnell persönlich kennen zu lernen. Gestern spielte ich Klavier. Wie ungeheuer gerade die so leicht dahingeworfenen Dinge Bachs und Mozarts, der trotz aller Aufsätze, die es bestreiten, spielt, übermütig wie ein Kind. Wo ich ihn je ernst hörte, da ist er auch erschütternd. Gleichzeitig kann der heutige einer zuhören - die wundersame Lieblichkeit einer Mozartsonate macht doch selbst den Blöden aufmerksam, der spricht doch ganz anders an als der Kantor, dessen Musik oft Verkündigung und Theologie in Tönen ist. Und Du weißt, die Bereitschaft dazu ist doch nicht jedem leicht und auch zu finden. Eine ganze Dekade Löhnung und mehr für eine gut gespielte Sonate Mozarts, für eine der Fugen Bachs! Diese beiden Namen wind wie Vater und Mutter, Namen, die einem die Musik bedeuten. Beethoven ist mir noch ein Rätsel, mehr noch als Mozart. Gestern und heute etwas Lebkuchen und Aachener Printen, auch zwei Weihnachtskerzen die meine alte Kindergärtnerin schickte. Solch ein Gedenken tut unglaublich wohl. Denk Dir, 18 Jahre sind esfast her, daß ich ihren Händen entfloh in die große Schule, und noch schreibt sie und sorgt sich um einen. Sie kommt auch aus Münster - ich gehe jetzt ins Bett und träume noch ein bißchen vor mich hin, das ist schön - der Ofen tut noch sein Bestes. Bleib fidel und gesund und sei aufs Herzhafte gegrüßt von
Deinem Hans