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Brief (Transkript)

Rudolf Kurth an seine Ehefrau am 06.07.1941 (3.2002.0867)
Ansicht des Briefes Biografische Skizze

Russland, den 6.7.41.



Mein liebes Trudchen!

Heute ist Sonntag, wie haben längere Rast, da komme ich dann nun dazu Dir wieder zu schreiben. Wir befinden uns Augenblicklich in einer Sowjet-Dorfschule. Der Name der Ortschaft ist mir nicht bekannt, die Russischen Namen sind auch nicht zu lesen. Deutsch –Russisch für Soldaten, das kleine Heft wäre wohl angebracht.
Auf dem Marsch habe ich Dir Postkarten geschrieben, soweit es mir möglich war. Briefpapier muß ich mir einfach noch organisieren. Deine lieben Zeilen vom 28/6. u. 30/6. habe ich erhalten, mal auf den Marsch.
Mache Dir um mir keine Sorgen, anscheinend sind wir jetzt Fernkampfverein geworden. D.h. seid Tagen haben wie keine Feindberührung mehr. Schade, dann ich war grade so in Fahrt gekommen.
Wie weit wir sind weiß ich nicht, weiß nur das wir viel marschiert sind. Neulich habe ich Richard getroffen, na und Richard hatte den Kopf ziemlich zu Boden gerichtet. Anscheinend strengt unserem Sportler so ein Marsch auch an. Richard’s Verein war weniger im Gefecht als wir. Na ich bin ja aus seine Photos gespannt? Ob er überhaupt welche gemacht hat?
Frontberichte kann Euch die Zeitung besser verrmitteln als ich, ich kann Dir nur rein Persönliches mitteilen. Einige Frontberichte habe ich gelesen, sie stimmen genau.
Am 22/6 war der Grenzübertritt, da bekamen wir das 1 x mal Feuer. Da hatten wir aber so unsere Sorgen, denn der Russe versuchte uns zu umfassen. Wir erbeuteten da die ersten Maschienenpistolen, richtige Gangsterwaffen. Wir lernten auch gleich die Hinterlist kennen. Sie erhoben die Hände, als unsere sie Gefangen nehmen wollten schossen sie auf uns. Dann verkriechen sie sich die R. im Kornfeld und feuern von hinten. Wie wir darauf reagieren wird ja der Wehrmachtsbericht ausweisen.
Am 28/6. Sonnabend Nachmittag erlebte ich das heftigste Feuer. Da sind mir die Kugeln über den Kopf geflogen, eine Granate schlug etwa 2 – 3 m. neben mir ein, ich habe aber von dem Segen nichts abbekommen. Mein Uffz. hat aber solch Ding auf den Helm bekommen, Helm kaputt – Birne ganz geblieben. Der Deutsche Stahlhelm ist besser wie alle welche ich bisher kennengelernt habe.
Dann haben wir die Felder durchkämmt, da haben noch schwer verletzten R. auf uns geschossen. Zum Teil standen diese in Mannstiefen Löchern, wo sie ohne Hilfe garnicht heraus konnten. Aber sie schossen. Die R. Waffen sind nicht schlecht, aber zu klobig. Viel zu Erben ist hier nicht, denn meist hat der R. alles mitgenommen. Der Bevölkerung wollen wir nichts nehmen. Die haben unter dem Krieg genug zu leiden. Kam gestern ein Bauer mit seinem Kind, das Kind hat mit Munition gespielt und sich dabei arg verletzt. Waffen und Munition der Russen liegt wie das Unkraut herum. Aber einen Revolver habe ich noch nicht erben können.
Die Maschienenpistole ist mir zu groß u. schwer. Die Bevölkerung trägt hübsch bestickte Kleidung da will ich sehen ob ich auch so etwas bekommen kann, aber da müssen wir in die Städte kommen. Ich lese eben das Du vom Wolkenbruch überrascht worden bist. Na so etwas ist für uns nichts besonderes, nur das man auch nasse Füße bekommt, das Wasser läuft von oben rein, und das man sich dadurch schnell die Füße wund läuft was das unangenehmste ist. Ich habe die Strapazen bisher am besten überstanden. In einem aufgeweichten Waldweg ist mir aber folgendes passiert ich bin mit dem linken Stiefel steckengeblieben und habe mir da glatt die Sohle abgerissen. Solch marschieren ist dann Schei ... , aber nun sind die Stiefel wieder repariert. Wir befinden uns in herrlichster Landschaft, aber man hat heute wenig Sinn dafür, einmal die Strapazen, zum anderen frische Gräber oder gar Leichen das stört doch in dem Genießen der Schönheit der Natur.
Liebes Trudchen, gedacht habe auch ich immer an Dich, wenn mich eine Kugel erwischt hätte wärst Du mein letzter Gedanke gewesen. Aber ich habe auch im Feuer weniger an’s sterben gedacht, als daran mit Dir glücklich zu werden. Also wenn Du Dir Deinen Mann im Gefecht vorstellen willst: in einer flachen Mulde, Stahlhelm möglichst tief im Gesicht, Gewehr im Anschlag, Patronenreserven daneben, im Gesicht die unvermeidliche Ziggarre. Über meine Ruhe habe ich mich schon selbst gewundert, grade bei dem Fliegerangriff hat mir das Herze gebubert. Beim nächsten nicht mehr, denn da wußte man ja das der Russe schlecht zielt.
Meine Wäsche habe ich gestern gewaschen, aber sauber ist sie nicht, an ich werde sie eben von einer Frau waschen lassen wenn wir in Ruhe liegen.
1 Rubel = 10 [Pf.] Kaufwert aber wie 1 – Mk. Blos hier gibt es nichts zu kaufen, Geschäfte nur in den Städten. Milch bekamen wir von der Bevölkerung angeboten umsonst. Die Bevölkerung ist zur Zeit zwar Arm aber sauber.
Der Wodka taugt nichts, ich bekomme darnach Leibschmerzen, daher trinke ich keinen mehr. Das Parfüm ist wiederlich, Kaffe wird in Verbindung mit Kakao viel getrunken. Auch ein komisches Gesöff. Kisten mit Klippfisch lagen viele herum, na die haben wir erst garnicht angerührt. Die Russische Ausrüstung ist minderwertig, meist alles Segeltuch statt Leder.
Die gefangenen Ukrainer haben meist nicht auf uns geschossen. Sie werden auch besonders gut behandelt. Sie kommen mit erhobenen Armen und rufen schon von weitem Ukrainer. Dann zeigen wir ihnen die Richtung des Sammelplatzes wo sie dann hinlaufen, die andern werden hingeführt. –
Nun haben wir Ruhe, richtig an den Feind werden wir wohl nicht mehr herankommen. Also mache Dir meinetwegen keine unnötigen Sorgen, ich komme wieder zu Euch. Ich hatte Dir geschrieben das ich oft an das Buch von Kröger, Das vergessene Dorf, denken muß. Nun wirst Du wohl verstanden haben was ich meinte?
Hast Du die 50 – Mk erhalten, Adresse Z. ? Über den Garten habe ich öfter’s nachgedacht, ich bin zu dem Ergebnis gekommen ihn einige Jahre so wie es jetzt ist weiter zu bewirtschaften und erst zu bauen wenn wir das Geld haben. Schulden möchte ich nicht machen. Es wird sich so schon machen lassen auch bei meinem Beruf. Im Sommer über wohnen wir draußen ich schaffe mir dafür ein mittleres Motorrad an um zur Arbeit zu gelangen. Damit kann ich dann auch Obst allein nach Hause bringen. So kannst Du dann ganz auf die Kinder Obacht geben wenn ihr raus oder rein fahrt. Evtl. ein Schuppen müßte noch gebaut werden, um Rad und Geräte unterzustellen. Denn die Laube möchte ich nur für Wohnzwecke haben. Allerdings möchte ich auf dem Grundstück dann werken können wie es mir behagt und nicht mich nach anderen richten müssen.
Der Garten soll nicht nur dem Ertrag, sondern auch der Erholung dienen.
Was machst Du mit den Kaninchen von Margot, erst mal großfüttern was?
Du erzählst mir von unseren Kindern, darüber freue ich mich. Ich möchte das Ihr viel Freude habt. Hoffentlich kann ich bald für immer bei Euch sein. Du, auf den Empfangskuchen freue ich mich jetzt schon. Dazu Kartoffelsalat u. Würstchen u. Kartoffelpuffer, muß das schmecken. Unsere Verpflegung ist ja jetzt reichlicher wie vorher, man kann’s auch vertragen. Laß man, wenn ich auch jetzt Soldat bin der das töten gelernt hat, aber lieb kann ich schon wieder zu Dir sein. Mußt mich nur leiten und in’s Leben zurückführen. Wenn’s nicht gleich klappt nicht den Mut verlieren, solche lange Zeit geht ja nicht spurlos vorüber. Wir werden schon beide zueinander finden, das ich Dir treu war darfst Du wissen, ich werde Dir auch treu bleiben. Das ist dann mein größter Sieg, ein Sieg über mich selbst.
Es grüßt und küßt Dich innig
Dein Rudolf

Eben kam Karte von Elsbeth, sie wundert sich das ich nicht schreibe. Grüße Deine Eltern u. Müllers von mir.